1914 Frontschwein
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Leseprobe:

Und So Ging’s Los 
Köln


Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.

Wieviel mehr dann noch einer, der geholfen hat, den Krieg zu verlieren. So wirft man uns wenigstens manchmal, meine ich, vor. Je nun, ich war weder Kriegsgewinnler, noch Munitionsarbeiter, noch Etappen-hengst, sondern schlecht und recht ein reguläres Frontschwein. Ich habe dort immer gemacht, was verlangt wurde. Also an mir hat’s nicht gelegen. Auch an den anderen nicht, die mit mir vorne waren. Schlichte Muskoten resp. (wie gerade in meinem Falle) Pioniere. Das Denken, Überlegen oder gar Kritisieren war uns genommen; aber manchmal wünschten wir nichts sehnlicher, als daß wir die mal bei uns hätten, die für uns denken sollten. Nota bene, ich war meistens, zumal im Anfang, an der Westfront. Hier lag ja der Schwerpunkt. Ich meine, unser Unglück dort war nur eine Reihe verpaßter Gelegenheiten. Aber lassen wir das und erzählen nur, wie es uns gegangen hat.
       
Stöcker war ein selbstherrlicher, sehr von sich eingenommener Bürochef, und wenn der Herrgott für ihn gearbeitet hätte, er hätte es ihm nicht recht machen können. Mit einem Untergebenen konnte er keinesfalls harmonie-ren; aber vor seinen Vorgesetzten sich vortrefflich ducken, das konnte er. Ich war froh, wenn ich diesen Despoten nicht zu sehen brauchte, wenn ich sein »Gelaber« nicht hörte. Dazu mußte es Krieg geben! Je näher die Gefahr kam, umso kleiner wurde er, und als zwei Tage vor Ausbruch die ersten »Rote Kreuzwagen« an unserem Bürofenster auf der Hauptstraße vorbeirumpelten, stieß er immer einen mächtigen Seufzer aus und sank in sich zusammen. Ich glaube, der Schweiß stand ihm auf der Stirne, als er sagte, jetzt ist der Krieg da. Er wußte wohl, daß er als Landwehrmann mit an der Spitze marschieren würde. Aber er hat’s auch wieder verstanden; er wurde meines Wissens lange als unabkömmlich reklamiert, und als er sich dann gar nicht mehr halten konnte, hat er’s verstanden, sich in der Etappe zu halten.


14-tägige Frontreise - der Zorn des Hauptmanns 
Roulers, Becelaire, Stube 136 

Morgens, wenn es noch tief dunkel war, mußte die Kompanie antreten.

»Abzählen!«

Das Abzählen ergab immer an die 150 Mann. Wenn die Kompanie aber dann zum Tore hinauszog, konnte ein Blinder mit dem Stock fühlen, daß es keine 90 mehr waren. Das ging dann so zu: sobald abgezählt war und es hieß: »Kompanie formiert«, dann mußten wir von hinten einen Halbkreis machen, Abkommandierte, Kranke links raus, und dann rannten und huschten die Gestalten; aber noch ein bissel weiter als links heraus, dorthin, wo das Sch--- Haus war. Dort nahmen sie Deckung gegen Sicht, bis der böse Feind, nachdem die Kompanie abmarschiert, verschwunden, und in der Dunkelheit schlüpfte einer nach dem anderen zum Tor hinaus ins Städtchen; oder was »wir Alten« beinahe noch vorzogen, wir huschten leise, 3-4 Stufen auf einmal nehmend, wieder auf unsere Stube.

Geliebte Stube 136! Du warst ein Idyll. Ganz hoch, zu allerhöchst! Große Kisten, die Öffnung seitlich, immer drei aufeinandergestellt, waren unsere Fallen. Wir hatten oben die beste Luft und die größte Ruhe. Ruhe vor dem Unteroffizier vom Dienst und vor dem Feldwebel, denen die vielen Treppen wohl auch zu viel waren. Nur hielten wir auf strenge Manneszucht, d.h. abwechselnd mußte in der Sperrzeit immer einer von uns »Wache schieben«, d.h. dauernd durchs Schlüsselloch spähen, ob jemand die Treppe heraufkam. Kam ein Verdächtiger: »St st st!«, und wie die Mäuse in die Löcher verschwanden die Pioniere in die Spinde. Jawohl, darin hatten wir mit der Zeit eine großartige Fertigkeit erworben. Das Verschwinden in die Spinde wurde exerziermäßig geübt.


Im Schlammloch 
Ferbesthal - Lüttich - Oudemarde - Menin - Gheluwe - Ipern - Geluvelt

Zu meinem stillen Glück paßte keineswegs der Lärm, der alsbald nach Beginn der Fahrt anhub. Als wir gar durch Köln fuhren, sollte man meinen, wir führen zu einem großen Jahrmarkt. Schlimmer johlten die Gassenbuben nicht. Pfeifen, dauerndes schrilles Pfeifen durch die Finger. Ein Brüllen. Ich habe vor lauter Ekel mich in eine Ecke des Abteils verkrochen. Nota bene, wie sich später herausstellte, waren die schlimmsten Lärmmacher an der Front die geducktesten. Oh, es war abscheulich. Froh war ich, als wir endlich auf die freie Strecke kamen.

Nachts passierten wir Ferbesthal und bekamen dort Atzung. Ein Liter Kaffee, ein Stück Brot und ein Stück Speck. So, das sah schon kriegsmäßiger aus.

Gegen Morgengrauen passierten wir Lüttich. Die Helden waren alle enttäuscht, so gar nichts vom Kriege noch entdecken zu können. Auf ihr Pfeifen und Johlen reagierte hier niemand mehr wie in Köln. Statt dessen machte uns ein Belgier, noch im Schlafgewand, von seinem Fenster aus die Gebärde des Halsabschneidens. Nun wißt ihr, Lausbuben, daß ihr im Feindesland seid. In Oudemarde wurden wir ausgefrachtet.

»Ist hier schon die Front?« fragte einer den anderen. Nein, zur Front kamen wir noch nicht; sondern in eine schmutzige, total verlauste belgische Kaserne. Da blieben wir, Gott sei Dank, nur einen Tag, und dann ging’s wieder zum Bahnhof. Die Belgier amüsierten sich, da am Ende der Kompanie ein paar richtige Dreikäsehoch den Schluß bildeten.

Und nochmal einige Stunden Bahnfahrt, und dann kamen wir nach Menin.

Dort sah schon alles viel kriegsmäßiger aus. Alles wimmelt von Feldgrauen. Von Menin aus durften wir noch zwei Stunden marschieren und waren dann an unserem Bestimmungsort. Gheluwe, ca. 15 km hinter der Front. Na, den immer Wißbegierigen roch es hier auch noch nicht nach Pulver. Es sah aber verdammt scharf schon nach Krieg aus. Da kamen abgelöste Truppen aus der Stellung. Über die Stiefel, bis weit über die Knie, hatten sie sich Lumpensäcke gebunden. Alles war dreck- und schlammstarrend. Waren das Soldaten oder Erdarbeiter? In ihren Man-chesterhosen sahen sie aus wie Italiener. Mir stach das böse in die Augen.

Allmählich gingen manchem die Augen auf. Wir wurden auf einzelne Häuser verteilt. Zu 50 Mann kamen wir in eine Wirtschaft zu liegen. Man denke, zur Winterzeit, im Januar auf die blanken Fliesen. Nichts drunter, und die erste Nacht auch nichts drüber! Der Übergang war für meinen Geschmack ein bißchen kraß. Na, ich war doch schon einer von den Feldgewohnten und dachte es so zu machen, wie zwei Monate vorher. Nicht weit vom Dorfe ab stand eine Scheuer. Ob da nicht ein bißchen Stroh zu erwischen war? Ich schlich mich hin. Ja, Kuchen - ein Posten ruft mich an. Ich gehe auf ihn zu.

»Was suchst du hier?«
»Stroh!«
»Geht nicht, ist verboten!«
»Du brauchst ja nicht hinzusehen!«
»Geh nur wieder weg; es nutzt dir nichts!«







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